Winterbann

  Hoch ragten die Berge vor ihm auf, steil wand sich der Weg zu seinen Füßen, zwischen Büschen und Tannen, vorbei an Felswänden und rauschenden Bächen. Hinauf ging es mutigen Schrittes, der Kälte des Passes entgegen und dann weiter, immer weiter, hinein in ein neues Leben jenseits der weißen Gipfel. Ausgedient hatte das alte, das keine Zukunft bot; zurück blieb das Dörfchen seiner Geburt, wo nichts anderes auf ihn wartete als die Holzarbeiten eines Schreiners, tagein, tagaus, ermüdend und öd. Dabei sollten es Schnitzereien sein, die Johann fertigen wollte, feine Kunstwerke aus Fichte, Eiche, Buche und allem anderen Gehölze, offene Münder wünschte er zu sehen, „Ohs und „Ahs“ wollte er hören und die Münzen im Säckel zählen für seiner Hände Wunderwerke. So schwelgte Johann in seinen Träumen, während die Landschaft immer karger und das Wetter immer rauer wurde. Der Wind pfiff kühl über die Hänge, bog Halm und Strauch und blies den November in die Fichten, die den ersten Frost auf ihren grünen Mänteln trugen.
   Doch plötzlich, er hatte eben einen steilen Grat erklommen, fand Johann sich im herrlichsten Sommer wieder. Unter ihm erstreckte sich ein weites Tal mit saftigen Weiden und goldenen Ähren, die im prallen Sonnenschein reiften. Eine Brise, wie sie würziger und wärmer im Juli nicht sein konnte, zog aus dem Tal zu ihm herauf, begleitet vom Zirpen unzähliger Heupferdchen. Anfangs stand Johann still, ließ den Blick über den Reichtum der Natur schweifen, hielt die winterrote Nase in die warme Luft und konnte sich nicht satt sehen an dem Grün und den bunten Blüten, die wie reife Früchte in die Wiesen gestreut waren. Schließlich setzte er sich wieder in Bewegung und wanderte am Ufer eines Bachlaufs hinab ins Tal, bis er hinter einem Tannenwäldchen auf einen Bauernhof stieß. Groß und hell war das Wohnhaus, mit verziertem Dachfirst und bemalten Türen. Hühner gackerten und scharrten auf dem Platz vor der Scheune, Katzen streiften über den Hof und ein großer brauner Hund lag vor der Schwelle des Hauses und ließ sich die Sonne auf den Bauch scheinen.
   Wo bin ich nur gelandet?, dachte Johann. Ein Sommertal hier oben – inmitten von Karst und Frost? Neugierig überquerte er den Hof um anzuklopfen, als die Tür aufsprang und ein junges Frauenzimmer in den Sonnenschein trat. Unter dem Arm trug sie einen Korb voll nasser Laken.
   „Schreckt Euch nicht, gute Frau“, rief Johann, als die Frau zusammenzuckte und die Hand auf die Brust legte. „Ich bin nur ein Wandersmann, harmlos, frei und fromm, von mir habt Ihr kein Leid zu fürchten. Doch sagt, wie kommt es, dass Ihr in diesen kalten Höhen in einem solchen Sommertale lebt?“
   „Ach“, sprach die Frau, „so ist es schon seit Jahren, ich schätze, wir haben einfach großes Glück!“
   Auch Johann fühlte sich im Glück, denn kaum hatte sich die Frau von ihrem Schrecken erholt, da bot sie ihm auch schon ihre Gastfreundschaft an. Gleich trug sie ihm Brot, Früchte und einen Krug frischer Milch auf und schwatzte angeregt mit ihm, während sie ihre Pflichten an Haus und Hof verrichtete. Johann begleitete sie dabei und ging ihr zur Hand, wo er nur konnte und sie es ihm erlaubte. Noch am Abend lernte er den Hofherren und Vater der jungen Frau kennen, der seine Tochter an Herzlichkeit noch überbot.

   „Es kommt selten Besuch zu uns herauf“, sprach der Bauer beim Abendbrot, trank einen Schluck aus seinem Humpen und wischte sich den Bierschaum von den Lippen. „So tät’s uns recht freuen, wenn Ihr Eure Wanderschaft für eine Weile unterbrechen und mit uns den Rest des Sommers im Tal verbringen wolltet. Ist es nicht so, meine liebe Katharina?“, fragte er und zog seine Tochter zu sich heran, die gerade die Teller vom Tisch räumte. „Sie hört immer gern Geschichten von drunten am Fuß der Berge, und noch lieber erzählt sie eigene!“
Er lachte dröhnend.
Johann lehnte sich in seinem Stuhl zurück und stopfte seine Pfeife.
  „Gern würd ich noch ein Weilchen bleiben, wenn Eure Tochter damit einverstanden ist“, sagte er und war doch ein wenig verblüfft, als Katharina sich von ihrem Vater losmachte und mit gesenktem Blick aus der Stube eilte.
„Was ist mit ihr? Wünscht sie, dass ich weiterziehe?“, fragte Johann den Bauern. Der winkte ab.
   „Ach wo, kümmert Euch nicht darum. Sie ist ein liebes Mädchen, hat ein großes Herz, aber manchmal wird sie still, von einem Moment auf den andern, ich weiß nicht, wieso. Das geht vorbei.“
   Der Bauer sollte Recht behalten. Am nächsten Morgen war Katharina genau so freundlich wie am Tag zuvor. Ihr Vater war bei Sonnenaufgang mit Pferd und Pflug in die Äcker gefahren und sie war gerade dabei, Erdbeeren zu putzen, als Johann in die Küche trat.
   „Hattet Ihr eine angenehme Nacht?“, fragte sie und reichte ihm eine der Beeren.
   „Die wundervollste seit langem, liebe Frau Katharina! Ich lag in meinem weichen Bette bei offenem Fenster und lauschte den Grillen, während der Geruch von Heu und nachtfeuchtem Gras zu mir hereinwehte – und das im November! Ihr habt es wirklich wunderschön hier“, sprach er und machte sich über das Brot und den Käse her, die Katharina vor ihn hinstellte. Anschließend ging er ihr zur Hand. So verbrachten sie den Tag – und auch die folgenden. Tagsüber half Johann Katharina bei ihren Arbeiten auf dem Hof oder setzte sich zu ihr; sie erzählten sich gegenseitig Geschichten, zu denen er kleine Holzfiguren schnitzte, die er Katharina schenkte, sie lachten viel und führten angeregte Gespräche. Abends saßen sie zusammen mit dem Hofherrn in der Stube, und nach dem Abendbrot pflegte Johann sich mit dem Bauern bei Tabak und Bier über allerlei Dinge auszutauschen.
   Es war eine herrliche Zeit für Johann, die ihm wie im Fluge verging, und als er sich dabei ertappte, dass sein Wunsch weiterzuziehen fast vollständig in Vergessenheit geraten war, war es ihm nicht schade darum. Einzig die Momente, in denen Katharina still und traurig wurde, trübten ihm die Freude. Doch sie wollte nicht darüber sprechen, als er sie danach fragte, und so ließ er sie damit in Ruhe.Eines Abends, Katharina war gerade mit den Tellern und der Suppenschüssel in der Küche verschwunden, da beugte sich der Bauer zu Johann vor.
   „Du bist jetzt seit sieben Wochen bei uns und sprichst kein Wort vom Weiterziehen. Mir scheint, dir gefällt es in unserm Tal, hab ich Recht?“
Johann breitete die Arme aus.
    „Dies ist ein Tal, das vom Winter ganz vergessen wurde, mit Äckern und Weiden, auf denen weder Korn noch Gras je auszugehen scheinen, mit einem schönen Hof, in dessen Scheunen das Vieh gut gemästet steht, einem Garten, in dem das Gemüse mit den Früchten um die Wette reift und einem Bauern, der an Gastfreundschaft nicht zu überbieten ist. Wie könnte es einem hier nicht gefallen?“
   Der Bauer beugte sich noch weiter vor. Seine Stimme senkte sich verschwörerisch.
   „Und was ist mit der Tochter des Bauern, hm? Was ist mit Katharina? Gefällt sie dir auch?“
Johann warf einen Blick zur Küchentür, dann sah er dem Bauern fest in die Augen.
   „Ich kann mir keinen Burschen vorstellen, dem sie nicht gefallen würde. Worauf wollt Ihr hinaus?“
Der Bauer nahm einen Schluck aus seinem Humpen.
   „Ich muss an die Zukunft denken und an meine Tochter. Noch stehe ich in Saft und Kraft, aber der Jüngste bin ich freilich auch nicht mehr. Drum könnt ich einen Schwiegersohn gebrauchen, der mir zur Hand geht, und der mir Enkel schenkt.“
Johann zog an seiner Pfeife und dachte nach.
   „Du wärst mir der rechte Schwiegersohn, mein Junge“, fuhr der Bauer fort. „Wie ist’s, nimmst du meinen Vorschlag an?“
   „Mit Freuden – sofern mich Eure Tochter will“, antwortete Johann.
  „Das wird sie schon, hör auf mich. Ich merk doch, wie sie auf dich guckt“, sagte der Bauer und zwinkerte. Dann wurde er wieder ernst. „Eins gibt es aber noch, bevor wir zwei uns einig werden!“
Johann horchte auf.
   „Die Berge sind rau und tückisch, auch im Sommer. Ich muss wissen, dass du ihnen gewachsen bist, wenn ich dir meinen Hof und meine Tochter geben soll.“
   „Und wie könnte ich das beweisen?“, fragte Johann.
  „Ganz einfach“, sagte der Bauer. „Den Berg rauf, ein Stück oberhalb vom Tal, haben wir die G’sinterhöhle. Dort musst du eine Nacht verbringen, allein und ohne Hilfe. Schaffst du das, kriegst du Hof und Tochter.“ Prüfend sah er Johann an. Dieser brauchte nicht lang zu überlegen.
   „Das klingt nicht schwer, das kann ich sicher schaffen!“, sagte er und schlug ein, als der Bauer ihm die Rechte über den Tisch streckte. Zufrieden lehnte der Hofherr sich zurück und faltete die Hände über dem Bauch.
 

 


 

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Vanessa Kaiser & Thomas Lohwasser | info@lohwasser-kaiser.de