Im Zwielicht der Offenbarung


Es war fast, als wolle er sich meinen erwartungsvollen Blicken entziehen und sein Antlitz vor mir verhüllen, denn der Gipfel des großen Berges lag verborgen in einem Meer aus tiefgrauen, langsam ziehenden Wolken. Er hatte mich nicht gerufen, und doch war ich bis hierher gekommen, und wie ich seinen Namen auf den Lippen trug, so kannte er auch den meinen. Hier, am Ende der Welt, würde sich mein Schicksal erfüllen und ich sein uraltes Geheimnis ergründen.

Ich stand am Fuße des Berges Zhalator, auf der gegenüberliegenden Seite der Schlucht und wartete darauf, aufzubrechen. Viele waren gekommen, um der Zeremonie beizuwohnen, die den Beginn der Reise einleitete. Es gab Speisen wie gewürzten Wein und süßes Brot, der zauberhafte Duft von Hyazinthkerzen versetzte alle in euphorische Stimmung, und heilige Gesänge begleiteten die Prozession zur Brücke.
Außer mir hatte sich ein knappes Dutzend anderer Suchender eingefunden, die hinauf zum Gipfel des Zhalator wollten, um das Orakel zu befragen. Der Weg würde entbehrungsreich und gefahrvoll sein, so wurden wir gewarnt, und doch war dieses Wagnis unser aller letzter Ausweg.
Mutig setzte ich meinen Fuß auf die riesige, schwankende Hängebrücke, die uns über die Schlucht an den Anfang unseres Aufstiegs führte. Die armdicken Taue ächzten, und ich musste unwillkürlich durch die Spalten zwischen den Planken nach unten schauen. Die karstigen Steinwände stürzten Hunderte von Schritten hinab, aber ein Grund der breiten Schlucht war nicht zu erkennen, denn dichte Nebelschwaden strömten durch die Tiefe wie ein großer, stiller Fluss. Weit, viel zu weit unter mir zogen Vögel ruhig ihre Kreise über der Nebeldecke.
Seit Jahrtausenden lebte mein Volk, die Khiri, in den weiten Ebenen des Westens, und große Höhe war uns unbekannt, ja erfüllte uns sogar mit Furcht. Nicht umsonst galt bei uns das mehrdeutige Sprichwort: „Selbst wenn einem Khiri Federn wüchsen, so risse er sie sich aus, um nicht den festen Boden verlassen zu müssen, auf dem er lebt und atmet.

Mir schwindelte, doch im selben Augenblick stützte mich eine kräftige Hand, und eine warme Stimme sprach: „Verliere dich nicht, mein Kind. Dies ist ein Ort, von dem die Verlorenen nicht wiederkehren.

Verwundert und dankbar zugleich schaute ich auf und sah in das freundliche Gesicht eines alten Mannes. Seine klaren Augen glänzten und kündeten von einem Leben voller Mildtätigkeit und Verständnis. Er trug einen schmalen goldenen Stirnreif und eine golddurchwirkte Robe. Mit einem Lächeln wies er auf die andere Seite der Brücke. „Tragen werde ich dich nicht. Du musst schon selber laufen. Doch verzeih mir meine Unhöflichkeit, ich habe mich noch nicht vorgestellt. Man nennt mich Mahogran.“ „Nellin“, sagte ich ebenso freundlich, „mein Name ist Nellin.“ Ich war dankbar für Mahograns Hilfsbereitschaft, er gab mir Zuversicht und Vertrauen an diesem einsamen Ort.
Als wir die Brücke bereits ein gutes Stück hinter uns gelassen hatten, erhob der alte Mann das Wort: „Du kommst aus den großen Steppen des Westens, nicht wahr? Ich habe schon Leute von deiner Art gesehen, früher, als ich selbst noch jung war.“
Ich musterte ihn. „Wie alt seid Ihr, Meister Mahogran?“
Er hielt kurz inne, und sein Blick richtete sich in unbestimmte Ferne. „Auch ich bin nur ein eben gerade geborenes Kind in den Augen der Gestirne, die sich am weiten Firmament drehen, den unaufhaltsamen Lauf der Dinge betrachten und unser aller Schicksal bestimmen. Aber hier auf dem Erdenkreis zähle ich volle achtundsiebzig Sommer.“
Mit einem Mal wurde ich traurig, zu viele meines Volkes waren schon gestorben, allen voran die Alten und Schwachen. Lange schon war ich keinem Greis mehr begegnet. Als Mahogran meinen betrübten Blick sah, sagte er: „Siehst du, Nellin, dieser kleine Mann dort mit dem störrischen Lamm an der Schnur, das ihm bis zur Hüfte reicht und das er zu opfern gedenkt; er hat es den ganzen weiten Weg aus dem Reich der Winzlinge im Osten hinter sich hergezogen – bis hierher zum Fuße des Zhalator. Kurz vor dem Aufbruch erzählte er, sein Volk leide unter einer Hungersnot, die Ernte sei zum fünften Mal in Folge verdorrt. Und nun hofft er in Erfahrung bringen zu können, warum seine Götter ihm und seinesgleichen so sehr zürnen.“
Anschließend lenkte Mahogran meine Aufmerksamkeit auf einen dunkelhäutigen Mann, der silberne Opferschalen und ein schweres zeremonielles Zepter trug. Sein Name war Sevapilo, wie Mahogran zu berichten wusste, und er war ein Hohepriester aus den Dschungeln der Südinseln.
Mahogran erklärte mir, ein mächtiger Blutdämon bedrohe Sevapilos Volk, und er sei gekommen, um herauszufinden, mit welchem Opfer er die uralte Kreatur besänftigen könne. „Wir alle hier haben schwer zu tragen an der uns vom Schicksal auferlegten Last. Aber wir sollten unsere Gedanken voller Hoffnung auf das Kommende richten. Sei also standhaft und gewappnet.“
Ich lächelte ihn an: „Ihr habt Recht. Jetzt ist nicht die Zeit für Wehklagen. Auch ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass das Orakel mir einen Rat gibt. Aber sagt, seid Ihr ein geistlicher Würdenträger in Eurem Volk? Ihr seid voller Weisheit.“
„Ich bin der Sternendeuter des Königs Tavos des Gerechten. Ich komme, um das Orakel zu befragen, weil die Sterne mir ihre Antworten nicht preisgeben. Wichtige Entscheidungen müssen bei Hofe getroffen werden, und ich muss mir mit meinem Rat ganz sicher sein. Zu vieles steht auf dem Spiel!“

Bald darauf machten wir Rast. Ein jeder kehrte in sich, um sich auf das Kommende vorzubereiten und neue Kraft zu sammeln. Ich nutzte die Gelegenheit, um die anderen in Augenschein zu nehmen. Wir waren zehn an der Zahl, verschiedenster Art und Herkunft. Zu meiner Linken befand sich ein hochgewachsener, fast nackter Mann mit großen, ledrigen Flügeln, die zusammengefaltet zwischen seinen starken Schultern ruhten. Sein Blick war voller Stolz auf den Gipfel des Zhalator gerichtet. Den ganzen Weg schon hatte ich ihn heimlich beobachtet, so sehr war ich von ihm und seinen Schwingen beeindruckt.
Von weniger beeindruckender, dafür derberer Erscheinung war Ugthur, ein Wildschweinmensch, der breitbeinig ein Stück weit hinter mir stand und inbrünstig das Kriegerlied seines Clans sang. Seine großen Eckhauer ragten grotesk aus dem massigen Unterkiefer hervor, und seine breite, nach vorne geöffnete Nase glänzte feucht im Licht.
Neben ihm hatte ein schmächtiger Mann in teuren Gewändern seinen Platz eingenommen. Sein Name war Teophilius, und er war ein Alchemist. Seine Augen wirkten kalt und schweiften unablässig hin und her. Unweit von Teophilius, gleich neben dem schwer beladenen und erschöpften Sevapilo, hockte der Winzling neben seinem Lamm. Alle riefen ihn Fips, weil sein eigentlicher Name für uns unaussprechlich war.
Zwischen mir und Mahogran, der sich leise mit Martha, einer königlichen Leibärztin, ebenso resolut wie beleibt, unterhielt, lehnte ein Ritter mit hageren Gesichtszügen an einem Baum. Er war nur wenige Jahre älter als ich und schien tief in düstere Gedanken versunken zu sein. Gerne hätte ich ihn gefragt, was ihn denn so bedrücke, doch schien es mir nicht der richtige Augenblick zu sein.
Etwas abseits von uns allen saß Fal Eham auf dem Boden. Er hatte seine besten Jahre längst hinter sich gelassen. Sein dürrer, knochiger Körper war in schmutziges Tuch gehüllt. Er sah aus wie ein Bettler, doch galt sein Wort unter den Seinen viel, und er genoss großes Ansehen. Der Schamane schüttelte seine Hände und warf Vogelknochen auf ein vor ihm ausgebreitetes, bemaltes Tuch. Plötzlich verfinsterte sich sein Blick.
„Bei Jalla, dem Übermächtigen!“, rief er aus. „Dunkel offenbart sich mir! Unsere Reise steht unter einem bösen Omen. Tod begleitet unseren Pfad!“
Betretenes Schweigen machte sich breit. Wir alle wussten, dass unser Unterfangen waghalsig war, der Zhalator war unerkundet und fremdartig, und es gab Geschichten von Unheil, das den Berg umgab. Es hieß, der Berg habe eine eigene, dunkle Seele. Auch als wir schließlich weitergingen, sprach niemand ein Wort, denn Fal Ehams Prophezeiung warf ihren Schatten wie der Zhalator den seinen in der untergehenden, blutroten Sonne.

In dieser ersten Nacht schlief ich sehr schlecht und träumte davon, den Weg nach Hause nicht mehr finden zu können. Ich rannte in die rabenschwarze Nacht, verfolgt von etwas Namenlosem, etwas Schrecklichem. Immer weiter, immer tiefer floh ich in das undurchdringliche Dunkel. Hoffnungslos verirrt, folgte ich schließlich einem Pfad, der sich deutlich vor mir abzeichnete, meinen Verfolger dicht auf den Fersen. Doch war ich zu langsam, erfüllt von panischer Angst, und bevor das Böse nach mir griff, sah ich, dass ich die ganze Zeit auf den Zhalator zugerannt war. Mein Todesschrei hallte noch in mir nach, als ich schweißgebadet aufwachte.

Am zweiten Tag brach unsere Gruppe auseinander. Diejenigen, die schneller laufen konnten, allen voran Ugthur und Teophilius, gingen voraus und ließen die Langsameren zurück. Ich blieb bei Martha, Fal Eham, Fips und Mahogran, in dessen Gesellschaft ich mich wohl und sicher fühlte. Die Gespräche mit ihm waren geprägt von Witz und Weisheit und lenkten mich von meinen eigenen Sorgen ab. Der Aufstieg hingegen war beschwerlich. Fal Eham hielt sich wacker, doch kamen wir seinetwegen nur langsam voran, und bald schon waren die anderen außer Sichtweite. Die Landschaft des Zhalator änderte sich nun. Hatten am ersten Tag noch vereinzelte Bäume und üppige Sträucher das Bild geprägt, so erreichten wir jetzt Höhenlagen, in denen salzhaltige Quellen über tausende Jahre hinweg groteske Gebilde und Formationen geschaffen hatten. All diesen riesigen und natürlich gewachsenen Skulpturen war eine ockergelbliche Farbe eigen. So wanderten wir den ganzen Tag durch die Salzwüste, in der sich kein Leben regte.
Am Abend holten wir die anderen ein, die bereits ein Nachtlager neben einem gewaltigen Salzmonolithen aufgeschlagen hatten. Ughtur, der an einem Feuer kniete, richtete sich auf und rief uns Ankömmlingen entgegen: „Wenn Ihr weiter so langsam lauft, erreicht Ihr den Gipfel nicht vor dem nächsten Winter!“ Der Spott in seiner Stimme war nicht zu überhören. Seine wulstigen Lippen verzogen sich zu einem hämischen Grinsen.
„Es können nicht alle so schnell laufen wie Ihr, aber das ist kein Grund, wie toll vorzupreschen.“ Marthas Gesicht war rot vor Ärger und den Anstrengungen des Tagesmarsches. Ughtur stemmte seine Fäuste in die Seite und erwiderte: „Wenn wir schnell marschieren, brauchen wir keine vier Tage bis zum Gipfel. Ich habe nicht die Zeit herumzutrödeln, mein Clan muss einen Krieg gewinnen. Für mich zählt jeder Tag.“
„Wir müssen zusammenbleiben, wenn wir den Gipfel erreichen wollen. Es ist gefährlich hier, und wir müssen auch auf die Schwächeren achten“, entgegnete Martha. „Mit schwach meint Ihr wohl Euch!“, höhnte Ugthur und drehte sich zu Teophilius um, der laut auflachte. Ihm schienen Ughturs Stärke und Unbarmherzigkeit sehr zu imponieren, denn er war von der Art Charakter, der sich selbst aufzuwerten hoffte, indem er die Nähe ihm stark erscheinender Personen suchte. Die anderen verfolgten wie gebannt das Wortgefecht zwischen dem Wildschweinkrieger und der kleinen dicklichen Frau. Ich selbst teilte Marthas Unmut, mein Leben lang war ich zu Güte und Mitgefühl erzogen worden, und mir waren Ughturs Gebaren sowie die Botschaft seiner Reden weitaus zu rücksichtslos. Nur zu gerne hätte ich für Martha Partei ergriffen, doch biss ich mir auf die Lippen. Respekt und Anstand geboten mir, zu schweigen.
Martha verschränkte die Arme vor der Brust. „Ja, es stimmt, auch ich kann nicht im Eiltempo laufen, wie Ihr das als starker Krieger tagtäglich tut. Aber ich bin eine gut ausgebildete Heilerin, und möge Zefanos uns alle davor behüten, dass ich von meinem Wissen Gebrauch machen muss an diesem unheimlichen Ort. Ich laufe mit den Langsamsten, das sollte allen klar sein.“ Vielsagend ließ sie den Blick durch die Runde schweifen, als der Geflügelte unvermittelt vortrat und mit fester Stimme sprach: „In blindem Eifer ergeht Ihr Euch in Streitereien und Machtspielen. Dabei verliert Ihr das wahre Ziel aus den Augen. Ich werde Euch darum nicht länger begleiten!“ Verächtlich sah er auf Martha und Ughtur, breitete seine Schwingen aus und hob sich langsam, Flügelschlag um Flügelschlag, in die Luft. Ein letztes Mal noch kreiste er über uns, hoch droben im Abendhimmel, dann nahm er Kurs auf den Gipfel des Zhalator.

Später, als wir am Lagerfeuer saßen, ich teilte gerade einen Apfel mit meinem Essmesser, fragte mich Mahogran: „Sag mir, Nellin, was führt dich hierher?“
Lange schaute ich in die tanzenden Flammen, die das wenige Holz verzehrten, das wir in dieser Einöde aus Salz hatten finden können. Außer dem Knistern des Feuers war nur Fips kleine Flöte zu hören, die traurige Weisen spielte. „Mein Volk stirbt“, antwortete ich schließlich. „Wir wissen nicht, warum die meisten von uns dahinsiechen, aber ich bin hier, um das herauszufinden.“
„Weißt du, was der Name Zhalator bedeutet?“, fragte mich Mahogran. Golden schimmerte sein Gesicht im Feuerschein. Ich schüttelte den Kopf.
„Zhalator entstammt der vergessenen Sprache der Altvorderen und bedeutet ‚Im Zwielicht der Offenbarung’. Es heißt, das Orakel weile schon seit Anbeginn der Zeit auf diesem Berg. Jeder Suchende darf ihm nur eine einzige Frage stellen, und er muss reinen Herzens sein, um eine Antwort zu erhalten. Der Pfad zwischen Gut und Böse ist breit ausgetreten, und auf welcher Seite man steht, ist nur den Wenigsten ersichtlich, Nellin. Zu vielschichtig ist der Lebenslauf eines Geschöpfs, um sagen zu können, ob es gut oder schlecht ist. Auch ein böser Keim kann eine gute Saat bringen und umgekehrt. Die Kräfte, die in uns walten, sind unergründlich. Das ist das Zwielicht, in dem du vor dem Orakel erscheinst, nackt und bloß, um dich ihm zu offenbaren.“
Als es still geworden war um unser Feuer und ich in den wolkenlosen, endlos weiten Sternenhimmel hinaufblickte, dachte ich noch immer über Mahograns Worte nach. Ich war gezeugt und aufgezogen worden, um diese eine Aufgabe zu erfüllen, das Orakel zu befragen und meinem Volk das Heil zu bringen. Kein einziges Tier hatte ich je verletzt, noch war je ein böses Wort über meine Lippen gekommen. Ich war wie ein unverdorbenes Fohlen. Und doch regten sich Zweifel in mir, ob ich den an mich gestellten Erwartungen gerecht werden konnte. Beklommen wickelte ich mich fester in meine warme Felldecke. In dieser kalten, klaren Nacht schlief ich ohne Träume.

Am nächsten Morgen rissen mich aufgebrachte Stimmen aus dem Schlaf. Martha stand heftig gestikulierend bei Mahogran: „Wie konnten sie es wagen! Wir wissen ja nicht einmal, wann wir wieder eine Quelle finden, die trinkbares Wasser führt!“
Ughtur und Teophilius waren im Morgengrauen heimlich aufgebrochen und hatten große Teile unserer Wasservorräte mitgenommen, und zu meinem Zorn musste ich feststellen, dass auch mein kostbarer Wasserschlauch gestohlen worden war. Bestürzt fragte ich mich, wie wir es unter diesen Umständen bis zum Gipfel schaffen sollten. Auch die Gesichter der anderen spiegelten meine tiefe Sorge.
„Sollen wir etwa verdursten?“, zürnte Martha. „Von diesem unzivilisierten Ughtur kann man eben nichts anderes erwarten, ein ungehobelter Wildschweinkrieger, bei Zefanos! Und sein Kumpan ist nicht besser. Aber das ist ja auch passend für einen, der das Orakel nach einer Formel für Unsterblichkeit befragen will! Was für ein selbstsüchtiger Beweggrund!“
Nachdem Marthas Schimpftiraden abgeebbt waren und wir Rat gehalten hatten, teilten wir die verbliebenen Vorräte gerecht auf und machten uns wieder auf den Weg durch die Einöde.

Als wir schon einige Zeit gelaufen waren, erspähte ich unweit von mir den Ritter, der sich, wie immer mit finsterer Miene, etwas abseits der Gruppe hielt. Er hatte noch kein einziges Wort gesprochen, daher kannte ich nicht einmal seinen Namen. Also fasste ich mir ein Herz und schloss zu ihm auf. „Sagt, guter Herr, wie ist Euer Name? Ich heiße Nellin.“ Eine ganze Weile antwortete er weder, noch sah er mich an, und ich begann mich schon zu fragen, ob er mich überhaupt bemerkt hatte, als er schließlich erwiderte: „Man nennt mich Nataniel, Thronprinz zu Tanagoth.“
„Warum seid Ihr hier, edler Thronprinz, welche Antwort erhofft Ihr Euch von dem Orakel?“, fragte ich.
Kurz streifte mich der Blick seiner dunklen Augen, und zu meiner Überraschung glaubte ich, in ihnen tiefe Niedergeschlagenheit zu erkennen. Dies wollte nicht recht zu seiner sonst so aufrechten Haltung passen.
„Der Kaiser von Tanagoth, mein Vater, liegt im Sterben. Man erwartet von mir, seinen Platz einzunehmen.“ Er machte eine Pause, bevor er leise, mehr zu sich selbst denn zu mir, fortfuhr. „Ich …, ich bin hier um zu erfahren, ob ich der Krone würdig bin.“ Wieder bedachte er mich mit diesem eigentümlichen Blick und wandte sich dann endgültig von mir ab. Entmutigt von seiner abweisenden Art, ließ ich mich zurückfallen, doch der Ausdruck seiner Augen beschäftigte mich noch eine geraume Weile.

Als die Sonne unterging, suchten wir Schutz unter einem abgestorbenen Baum, der von verdorrten Sträuchern umringt war. Zwar hatten wir nun genügend Holz für ein Feuer, doch gingen unsere Wasserreserven spürbar zur Neige. Mahogran hatte fast kein Wasser mehr, und Fips erging es auch nicht besser, musste er doch seinen Wasservorrat mit seinem Lämmchen teilen, das er ständig mit Argusaugen bewachte.
Tief in der Nacht rüttelte mich eine Hand an der Schulter. Es war Mahogran, der den Zeigefinger auf seine Lippen legte und flüsterte: „Sei leise, Nellin!“
Sofort war ich hellwach.
„Da draußen ist etwas.“



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Vanessa Kaiser & Thomas Lohwasser | info@lohwasser-kaiser.de