Hexentrug

Tief versteckt im finstren Nadelwald, inmitten von Fichtenzweigen und Dornengestrüpp, wo die Sonne nie zu scheinen wagt, wo feuchtes Moos die Schritte dämpft und bleiche Pilze in verwunschenem Kreise sprießen, stand einst ein kleines dunkles Häuschen. Verwittert waren seine schiefen Wände und voll von schwarzem Schimmel, wie erschlagen hing die morsche Tür in ihren Angeln, und Löcher, groß wie ganze Käselaibe, klafften im Dach und ließen Nadellaub und Feuchtigkeit hinein, denn von den Ziegeln, die das Haus bedeckten, waren die meisten längst zerbrochen. Anstelle eines Gärtchens wucherten Efeu, Giftpilze und Brombeerranken um das Häuschen. Hätte sich je ein Wandersmann an diesen Ort verirrt, so hätte er wohl geglaubt, dass es niemanden geben mochte, der in diesem Verschlag hauste. Wie sehr er sich geirrt hätte. Denn dies war das Haus von Xerosalde.
Xerosalde war eine Hexe. Doch sie war nicht nur irgendeine Hexe, sie war die Hexe vom Mooruter Walde, dem Wald der Vergessenen und Verlorenen – und sie war böse, abgrundtief böse. Sie war so böse, dass es auf Erden wohl kein teuflischeres Geschöpf geben konnte als sie. Und darauf war sie stolz.

Eines nachts, als Nebel aus dem weichen Nadelboden kroch und mit klammen weißen Fingern um das Häuschen strich, drangen Kerzenlicht und Stimmen aus den Ritzen der Behausung. Drinnen stand die Hexe an der Feuerstelle und rührte in einem Kessel blubbernden Gebräus. Knochenstücke stiegen darin auf und versanken wieder wie hoffnungslose Schiffbrüchige.
„Kasius, mein treuer Diener“, sagte sie zu ihrem Raben, der über ihr auf einem Bord zwischen dicken, staubigen Zauberbüchern saß, „erzählt man sich nicht an den Feuern der Fischer- und Bauernhütten drunten im Tal, meine Seele sei so schwarz, dass die Sonne selbst darin erlöschen müsse?“
„Ja, meine Gebieterin“, antwortete er ihr.
„Und heißt es nicht weiter, anstelle eines Herzens hocke eine Kröte in meiner Brust, und statt einem Herzschlag könne man bei mir nur das Quaken und Unken dieses Warzentiers hören?“
Der Rabe nickte andächtig und schüttelte sein schwarzes Gefieder.
„Und glauben sie nicht auch daran, dass ich in Vollmondnächten mit meinem Besen durch die Lüfte reite und in die Schlafzimmer der unartigen Kinder steige, um mir eines zum Fressen zu holen?“
„So ist es, Herrin“, sagte der Rabe.
„Nun, sie tun gut daran, all dies zu glauben“, lächelte die Xerosalde boshaft. „Denn schließlich haben sie Recht.“
Die Hexe füllte eine Kelle des Gebräus in eine flache Schale.
„Und doch lässt es mir keine Ruhe. Ich muss wissen, ob ich die Mächtigste, die Niederträchtigste, die Gefürchtetste bin“, sagte sie zu Kasius und stellte die Schale vor den Raben hin, der vor dem fauligen Gestank zurückwich. „Nimm davon, es wird dich unsichtbar machen. Sodann habe ich einen Auftrag für dich. Fliege hinaus in die Lande und suche in allen Richtungen des Himmels, ob es dort ein Wesen gibt, das mehr Macht besitzt und noch mehr Schrecken verbreitet als ich.“
Ergeben tunkte der Rabe seinen Schnabel in die Flüssigkeit.

Nach sieben Wochen, sieben Tagen und sieben Stunden kehrte er zurück. Die Hexe erwartete ihn bereits. Sie hockte auf dem morschen Dach und sah ihm ungeduldig dabei zu, wie er auf dem Schornstein neben ihr landete, sich den Reisestaub aus dem Gefieder schüttelte und sorgfältig ein paar seiner schwarzen Federn zurechtrückte, die ihm durcheinandergekommen waren.
„Nun sprich, was hast du herausgefunden?“ drängte sie.
„Herrin, in alle Richtungen des Himmels bin ich geflogen, wie Ihr es mir aufgetragen habt. Und was Ihr zu wissen verlangt, das habe ich in Erfahrung gebracht“, krächzte der Rabe. „So höret dies: im Süden des Landes gibt es einen Drachen. Mit seinem Atem verheert er die Äcker der Menschen, und mit seiner Kraft und Bosheit raubt er ihnen ihre Schätze. Ich habe seine Wohnstatt aufgesucht, in der er das Gold und all die Edelsteine hortet, und ich meine, dass er wohl das reichste Wesen im ganzen Lande sein muss. Doch liegt er meist faul in seinem Berge, nur selten verrichtet er sein Werk, darum wird er über die Jahre stets vergessen. Eurem Ruf wird er nicht gefährlich, meine Gebieterin.“
Xerosalde nickte. „Was fandest du im Westen?“ fragte sie.
„Im Westen fand ich einen Wassermann. Er lebt in einem See, der so breit und lang ist, dass man, befindet man sich an seinem einen Ufer, das andere mit bloßem Augen nicht mehr zu erkennen vermag. Die Fischer fürchten ihn, denn quält ihn Langeweile, so zieht er ihre Boote mit Mann und Fang zu sich hinab in die kalten Tiefen. Er selbst sieht sich als König, doch ist er nur der Herrscher über ein paar Fische, Algen und Wasserlinsen. Längst besitzt er nicht Eure Macht, meine Gebieterin. Getrost könnt Ihr ihn vergessen.“
„Wohl wahr“, nickte Xerosalde und rümpfte ihre pockige Nase. Der Rabe reckte seinen Schnabel in Richtung Norden.
„Im Norden stieß ich auf eine weiße Fee. Mächtig ist sie, kalt und boshaft. Sie herrscht über die leblosen, glitzernden Weiten rings um ihren Palast aus Eis und Schnee. Riesige Hallen voller Frost und Kälte nennt sie ihr Heim. Aber obgleich sie so mächtig ist und ihr Herz so kalt wie der Schnee selbst, muss sie das unbekannteste Geschöpf des ganzen Landes sein, da sie einen jeden, der sich an ihren Hof verirrt, sogleich zu Eis verwandelt. Und so besteht ihr gesamter Hofstaat aus schweigenden, starren Eisgestalten, die die Kunde ihrer Bosheit nicht verbreiten können. Wenn Ihr mich fragt, Herrin, so ist sie nicht annähernd so gerissen wie Ihr.“
Ein zufriedenes Lächeln breitete sich auf Xerosaldes Antlitz aus, doch der Rabe wiegte warnend seinen Kopf.
„Im Osten aber, Herrin, im Osten liegen Eure wahren Sorgen.“
Überrascht starrte die Hexe ihn an.
„Weit droben in den wilden Bergen, vom Gipfel bis ins Tal, von den schroffen Hängen bis tief hinab ins Reich der Erde, wo es finster ist und feucht, regiert der Herr der Berge. Launisch ist er, wie das Wetter auf den Kämmen des Gebirges, roh wie die Welt in schwindelnder Höhe – und gefährlicher als die Dunkelheit seiner Felsenhallen, in denen stumme Schreie der Furcht in der schwarzen Stille widerhallen.“
„Was sagst du da?“ keuchte Xerosalde.
„Er wird gefürchtet, seine Macht scheint unerschöpflich. Er wird gemieden, denn niemand kann gegen ihn bestehen.“
„Wer ist er?“ fragte die Hexe zornig.
„Ein Berggeist, meine Gebieterin. Rübezahl wird er genannt, doch hört er das nicht gern. Herr der Berge, so spricht man ihn an, will man seinem Zorn entgehen.“
Wütend sprang Xerosalde auf und raufte sich die borstigen Haare. „Rübezahl!“ schrie sie. „Rübezahl! Du nichtsnutziger Berggeist!“ Dabei sprang und trampelte sie so auf den modrigen Ziegeln umher, dass sie mit lautem Krachen durch das Dach brach. Unten im Haus kreischte und tobte sie weiter, und ihr Kopf schwoll an vor lauter Wut, bis er rot war und rund wie ein dicker Kürbis. Doch ihre Wut wollte nicht weichen, und so verwandelte sie Flaschen und Töpfe in Käfer und Gewürm, und zertrat sie mit den Füßen. Selbst der arme Kasius fand sich unversehens als Mäuslein wieder. Mit Müh und Not entging er ihren Tritten und versteckte sich hinter einem Schrank. Xerosalde tobte die ganze Nacht und auch den darauffolgenden Tag hindurch, doch schließlich ließ sie sich erschöpft in ihren abgewetzten Ohrensessel fallen und winkte Kasius zu sich her.
„Komm heraus, Kasius. Wir müssen etwas unternehmen“, seufzte sie und zauberte ihrem Diener die Rabenfedern zurück. Erleichtert schüttelte er sein Gefieder und kontrollierte, ob auch alles wieder an seinem rechten Platze war.
„Ich habe einen Entschluss gefasst. Ich werde diesem Rübezahl den Garaus machen.“


 

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Vanessa Kaiser & Thomas Lohwasser | info@lohwasser-kaiser.de