Die Schwarze Tänzerin
 

Finster wie des Neumonds Bahn
Finster wie des Geistes Wahn
Finstrer als der Zeiten Anbeginn
Ist die Seele der Schwarzen Tänzerin

Heimlich wie auf Kauzes Schwingen
Bringt sie einen Trug zum klingen
Schickt ihn aus in tiefer Nacht
Zu ihrer Seele er dich macht


Es war ihre Bestimmung. Nur sie allein wusste, was zu tun war, was getan werden konnte – was getan werden musste. Und nichts hätte sie aufgehalten zu gehen. Nichts und niemand hatte sie aufgehalten. Schweigend ritt sie davon.
Ich wusste, dass es mir verboten war, ihr zu folgen. Dass es töricht war, ihr nachzugehen. Und ich wusste, dass ich damit mich und mein ganzes Volk in Gefahr bringen würde.
Und doch tat ich es. Ich musste es tun. Es war ihr Schicksal, nicht meines, und doch konnte ich sie in diesem Schicksal nicht alleine lassen.
Weil ich sie liebte.

Es war ein Schock für uns alle, als die Schwarze Tänzerin wieder erwachte. Keiner von uns hätte sagen können, wie es dazu gekommen war.
Es heißt, die Schwarze Tänzerin bringe die Zeit der verlorenen Seelen. Und es heißt, das Verschwinden der ersten Seele künde von dem Ende der Welt, wie wir sie kennen.
Die erste Seele verschwand in der Nacht vor dem Mitrundel-Fest, jenem Fest, mit dem wir die Geister der jüngst Verstorbenen zu ehren pflegten. Niemand hatte etwas von dem Verschwinden mitbekommen. Wir fanden Rufja am Morgen in ihrem Zelt, nachdem sie nicht, wie alle anderen, im Versammlungshaus zur Ersten Zeremonie erschienen war. Sie lag einfach nur da, ihre grauen Haare ergossen sich über ihr Lager, Arme und Beine waren weit ausgestreckt, als sei sie aus dem Dach des Himmels auf die Erde gestürzt und dort zerbrochen. Ihre Augen waren aufgerissen und starrten ins Nichts. Sie war nicht tot, nein, das war sie nicht. Aber es war von Anfang an klar, dass niemand ihr mehr helfen konnte. Es war ihre Seele, die gegangen war. Rufja war verloren.

 „Ihr Gefährten und Gefährtinnen, hört mich an!“
Die Unruhe im Versammlungshaus legte sich. Alle Hoffnung richtete sich auf Maron, den Seher, den Anführer unseres Volkes. Seine blinden Augen öffneten sich weit, und seine Pupillen zitterten darin wie ertrinkende Käfer in Schalen voller Milch.
„Ihr wisst, was heute Nacht geschehen ist. Die Prophezeiung droht, sich zu erfüllen. Das Verschwinden der ersten Seele kündet von Ihrer Rückkehr. Wenn ihr nicht Einhalt geboten wird, so bedeutet ihre Rückkehr das Ende für uns alle. Nur Eine im Volk kann der Schwarzen Tänzerin begegnen! Seit Urzeiten gibt es Eine, die stets für diese Aufgabe auserwählt und dafür vorbereitet wird. Nur sie alleine kann uns retten – scheitert sie, so sind die Seelen aller verloren.“
Der Seher hielt für einen Moment inne, bis sich das Raunen, Stöhnen und Flüstern im Saal gelegt hatte. Doch die Angst kroch leise von hinten an uns empor und legte sich um unsere Kehlen und Herzen. Maron konnte die Angst nicht sehen, aber ich war sicher, dass er sie roch und schmeckte. Sie verpestete die Luft des Saales wie ein verwesender Leichnam. Maron richtete sich auf und hob die Hände zur Decke. Seine trüben Augen rollten umher, dann wies er plötzlich mit dem Finger auf einen bestimmten Punkt in unseren Reihen.
„Agavire, tritt vor.“
Kalt war mein Entsetzen, als er ihren Namen nannte, kälter als der Nubiuswinter, der mit seinem Atem aus Frost jeden vierten Sommer verschlingt. Ich hatte es nicht gewusst. Nur der Seher wusste, wer sie war – und die Alte aus dem Eichenhain, die in Abgeschiedenheit vom Dorf lebte, und die die Eine in den Vorbereitungsriten unterwies. Niemand sonst kannte den Namen der Einen, und niemand würde ihn je erfahren. Es sei denn, die Schwarze Tänzerin erwachte.
Erstarrt beobachtete ich, wie sich Agavire erhob und lautlos durch die Reihen trat. Unter dem Vorhang ihres Haselnusshaares kam ein Arm hervor, lang und schlank wie die Glieder eines jungen Rehs. Ihre Finger berührten Marons ausgestreckte Hand zum Zeichen des rituellen Grußes.
„Unser Volk trotzt der Prophezeiung, wie seit Urzeiten“, sagte Maron. „Es ist unser Schicksal, dass die Schwarze Tänzerin immer wiederkehrt. Besiegen lässt sie sich nicht, aber schon immer hat ihr die Eine Einhalt geboten, wenn sie erwachte, auf  dass die kommenden Generationen wieder in Frieden leben können. Agavire, mein Kind, bist du bereit, dich deiner Bestimmung zu stellen?“, fragte Maron schließlich.
„Das bin ich, mein Vater, Vater unseres Volkes.“ Agavires Stimme war tief und warm und frei von Angst.
„So sei es.“
‚Aber ich bin es nicht! Ich bin nicht bereit!‘ wollte ich schreien, doch meine Zunge versagte mir ihren Dienst. Zu erdrückend war die Hoffnung, die ich in den Gesichtern aller las – eine Hoffnung, für deren Flammen Agavire als Nahrung dienen musste. Und so blieb ich schweigend und verfolgte die Zeremonie, mit der Maron Agavire segnete und anschließend in ihr Schicksal entließ. Gemeinsam mit allen anderen stand ich vor dem Versammlungshaus und sah ihr zu, wie sie ihren Beutel auf das Maultier lud, sich ein letztes Mal zu uns umwandte und mit ihrer Hand, so schlank und klein, Lebewohl winkte. Ihr Kleid floss als goldene Flut um ihre Hüften, und der Wind spielte mit ihrem seidenen Haar, als wolle er mich verhöhnen, als solle es nun ihm gehören und niemals mir, und als sich das Maultier endlich mit klappernden Hufen in Bewegung setzte, da war es, als stürzte auch meine Seele in einen bodenlosen Abgrund.

  


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Vanessa Kaiser & Thomas Lohwasser | info@lohwasser-kaiser.de