Der letzte Gast

Ich entdeckte die Männer als erster. Es war im Winter des dritten Jahres nach der Großen Seuche, die uns alle so grausam heimgesucht hatte. Das letzte Licht tauchte die Gipfel des Gebirges in blutroten Schein, als wollte die Sonne niemals wiederkehren. Ich stand auf der Türschwelle der Herberge unterhalb des Passes und schaute nach Osten über das weite Land, von wo der Wind schwere Wolken auf uns zutrieb. Es waren zwei Männer, die sich durch den hüfthohen Schnee mühten. Ihr keuchender Atem kam als Dampf unter ihren Kapuzen hervor. Als sie die erleuchteten Fenster des steinernen Hauses ausmachten, beschleunigten sie ihre Schritte.
Ich ahnte damals nicht, dass das Grauen mit ihnen kam.

Die Leute aus dem Dorf sagten, die Pocken seien die Strafe Gottes gewesen, Ausdruck seines Zornes auf uns, weil wir Menschen schlecht seien und voller Übel. Doch Saul erklärte mir, dass das Große Sterben nichts mit Gott zu tun gehabt habe, dass der Tod nun einmal zum Leben dazugehöre und man nie genau wisse, wen es als nächsten erwische.
Es war nicht so, dass Saul nicht an Gott glaubte, aber er hatte einen anderen Blick auf die Dinge. Vielleicht hatte er diesen Blick, weil er hier oben lebte, alleine, ohne die anderen, nur er und seine Herbergsgäste, die ihm viel von ihrem Leben und ihren Reisen erzählten, wenn ihre Zungen am späten Abend von Bier und Wein gelockert waren.
„Da haben wir zwei echte Glückspilze“, sagte Saul, als ich mit dem Finger auf die zwei Männer zeigte. „Erreichen die Herberge noch vor der Dunkelheit, bevor ich die Tür verschließe.“ Und mit ernster Miene fuhr er fort: „Komm rein Junge, da zieht ein schlimmer Sturm auf.“
Ein letzter Blick nach Osten verriet mir, dass der Sturm viel Schnee bringen würde.

In der Herberge war es wohlig warm. Ein kräftiges Feuer prasselte in der Kochstelle an der hinteren Wand des Raumes. Darüber brutzelte und zischte der Hirschbraten, den ich den ganzen Weg aus dem Dorf heraufgetragen hatte.
Hätte ich gewusst, was die beiden Männer mit sich brachten, ich hätte die Tür mit beiden Händen zugehalten, mich mit ganzer Kraft dagegen gestemmt und sie niemals herein gelassen. Verschlossen hätte ich die Tür und den Schlüssel ins Feuer geworfen, damit er verglühte und sie niemals zu uns hätten gelangen können. Aber ich tat natürlich nichts dergleichen. Vielmehr lächelte ich sie an, als sie die Herberge betraten, sich den Frost aus den Haaren schüttelten und ihre schwarzen Mäntel auszogen, um die Wärme des Feuers an ihre ausgemergelten Körper zu lassen. Sie setzten sich an den Tisch, der dem Feuer am nächsten war.
Viele Menschen wanderten über den Pass, manche, um die Vergangenheit zu vergessen, manche, um ihr zu entfliehen, doch sie alle suchten einen Neuanfang. Saul erzählte mir viel von den Leuten, die die letze Rast bei ihm machten, bevor sie sich auf den gefahrvollen, einmonatigen Weg durch die Eiswüste des Gebirges begaben. Saul sagte, jeder Mensch habe ein Geheimnis, eine Hoffnung, die ihn antreibe zu leben und ihm die grausamen Dinge erleichtere, die ihm das Leben angetan habe. Dieses Geheimnis sei der Kern eines jeden Menschen und ließe ihn wachsen. Dieses Geheimnis gäbe ihm Kraft, über den Pass in den unbekannten Norden zu wandern und ein neues Leben zu beginnen – als jemand anderes.
Doch diese beiden waren nicht wie die anderen Herbergsgäste, das spürte ich sofort.

Top

Vanessa Kaiser & Thomas Lohwasser | info@lohwasser-kaiser.de