Das Klagelied

   Ruhig und still lag der Weiher da, am Fuße der karstigen Steilwand, verborgen zwischen Fichten und Tannen. Sein Ufer war umrandet von Schilf, das sanft im Abendwind rauschte, und die schmalen Blättchen der großen Trauerweide beugten sich tief über sein Wasser, als schauten sie darin nach ihren Spiegelbildern. Ein Schwarm Mücken tanzte über dem Wasser auf und ab wie eine kleine Säule unruhiger Punkte, während sich die letzten Sonnenstrahlen durch das Nadelwerk stahlen und Wasserläufer in glitzernde Weiherfeen verwandelten.
Doch dies war kein gewöhnlicher Weiher.
Jeden Abend, kurz vor Einbruch der Dämmerung, kam ein Pan aus dem Unterholz hervor, setzte sich im Schneidersitz auf den Stein am linken Ufer, hob seine Panflöte an die bärtigen Lippen und begann zu spielen. Er entlockte seiner Flöte eine Weise von solcher Traurigkeit und Sehnsucht, dass sie jedem Wanderer, der sich in der Nähe befand, ins Herz schneiden musste.
   So war es auch dem jungen Heinrich ergangen, den die Melodie auf seiner Wanderschaft vom rechten Weg abgebracht und hierher an den Weiher gelockt hatte. Abend für Abend hockte er seither im Unterholz und wartete gespannt darauf, das Lied der Flöte zu hören. Und so sehr er sich auch am Tage über quälende Langeweile und seine schwindenden Vorräte grämte, so sicher fühlte er am Abend, wenn aufs Neue die Weise des Pan erklang, dass er nicht einfach weiterziehen konnte. Mehr als alles andere begehrte er, das Geheimnis dieses Klageliedes zu ergründen, das Geheimnis des Pan – das Geheimnis dieses Weihers.
   Eines Abends, der Pan hatte gerade wieder zu spielen begonnen, konnte Heinrich nicht mehr an sich halten. Er musste der Quelle des verlockenden Klanges näher kommen, wollte er verhindern, dass ihm das Herz in der Brust zersprang. Mit angehaltenem Atem bewegte er sich durch die Blätter, auf das schilfbewachsene Ufer zu. Eine blau schillernde Libelle huschte daraus hervor, stand einen Augenblick lang über dem Wasser, drehte ruckartig um und sauste in die andere Richtung davon. Noch einen kleinen Schritt näher… dachte Heinrich.
Bevor er den Gedanken zu Ende bringen konnte, glitt er auf der schlüpfrigen Böschung aus und stürzte mit lautem Krachen durch die Zweige. Das Flötenspiel verstummte. Heinrich richtete sich auf und spähte angstvoll nach dem Pan. Ein Pan – halb Mensch, halb Tier, mit Hörnern und Ziegenfüßen – so unglaublich, so geheimnisvoll, so voller Ursprünglichkeit und Kraft, was würde dieser wohl mit ihm anstellen, nun, da er wusste, dass Heinrich ihn beobachtet hatte? Doch der Pan hockte noch immer auf dem Stein und schaute mit großen Augen und gesenkter Flöte zu ihm herüber. Hastig rappelte Heinrich sich auf und machte einige Schritte rückwärts. Doch gerade, als er herumfahren und in das schützende Unterholz stürmen wollte, rief der Pan ihn zurück.

   „Warte, Freund!“
Überrascht blieb Heinrich stehen.
   „Ich möchte dich um Hilfe bitten“, sagte der Pan.
   „Wie könnte ein einfacher Mensch wie ich einem mächtigen Wesen, wie Ihr es seid, von Nutzen sein?“
   „Nun… du scheinst mir ein ehrenwerter Mann zu sein, dem ich mich anvertrauen kann.“
Heinrich begann das Herz in der Brust zu springen. Der Pan wollte ihm sein Geheimnis offenbaren!
   „Einst begehrte ich eine Nymphe namens Sephona“, begann der magische Geißbock. „Sie war so schön und wundervoll, dass ich mein Leben geopfert hätte, um sie nur ein einziges Mal zu berühren. Ich warb lange um sie, und schließlich gab sie sich mir hin. Doch erzürnten wir damit ihre Schwestern, die uns aufs Grausamste bestraften. Sie verwandelten Sephona in ein Schilfrohr, aus dem sie diese Flöte fertigten, und mich verdammten sie, auf ewig für sie darauf zu spielen. ‚Von nun an soll unsere Schwester dir gehören‘, höhnten sie, ‚doch besitzen kannst du sie nimmermehr. Und jeden Abend verlangen wir, ihre Stimme zu hören. Jeden Abend, wenn dir dein Leben lieb ist.‘ Das waren ihre Worte.“
 
  Aber warum haben sie das getan?“ fragte Heinrich.
   „Eifersüchtig waren sie, was sonst!“ Der Pan seufzte verächtlich. „Weißt du, wie es ist für mich, einen Pan, der Herr ist über Wald, Wiesen und Äcker, der seine Freiheit so sehr liebt wie sein Leben, wie es ist, hier angekettet zu sein an eine Pfütze im Wald, an nur eine einzige Frau, die keine mehr ist? An eine Aufgabe, die mir und meiner Bedeutung nicht gerecht wird? Längst habe ich bereut, lange schon bin ich geläutert. Doch die garstigen Weiherschwestern zeigen keine Gnade. Was gäbe ich dafür, noch einmal frei zu sein und durch die Lande zu streifen!“
Er winkte Heinrich zu sich und hielt ihm die Flöte hin.
   „Ich bitte dich, Freund, spiel für mich, nur acht Abende lang. Damit ich noch einmal meine Welt sehen kann.“
Heinrichs Hände wurden feucht. Acht Tage lang sollte sie ihm gehören, die Wunderflöte mit der verheißungsvollen Stimme, die in Wahrheit Sephona selbst war, eine verwunschene Nymphe! Der Pan richtete seinen erwartungsvollen Blick auf Heinrich.
   „Du musst mir versprechen, jeden Abend zu spielen, denn mit diesem Instrument lege ich mein Leben in deine Hände. Wirst du mir meinen Wunsch erfüllen?“
Ehrfurchtsvoll griff Heinrich nach der kleinen Flöte.
   „Ich werde spielen, bis Ihr zurückkehrt, Meister Pan“, versprach er.

 


 

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Vanessa Kaiser & Thomas Lohwasser | info@lohwasser-kaiser.de