Das Herz des Jägers

   Man nennt mich Maódon. Ich bin ein Jäger aus dem Volk der Schwarzlohen, einem Volk der großen Finsternis, die die Welt weit unterhalb des Erdbodens beherrscht. Viele Jahre lang war ich ein einfacher Jäger in den unterirdischen Sümpfen von Dalun. Doch schließlich, als ich alt genug war, wurde ich der Jäger des Thullariten, der legendären Bestie im Höhlenfluss Thullion.
   Viele Legenden und Mythen ranken sich um die Bestie des Thullion. Aus der dunklen Zeit der Altvorderen ist überliefert, dass der, der das Herz des Thullariten verspeist, zu Unsterblichkeit gelangt. Es heißt auch, keine Schwarzseele habe die Bestie jemals zu Gesicht bekommen; zumindest sind diejenigen, die auszogen, um sie zu erlegen, niemals zu den Ihren zurückgekehrt.
   So erging es auch meinem Vater, der Mutter und mich verließ, als ich erst zwanzig Mondphasen zählte. Damals war ich noch zu jung, um zu begreifen, was meinen Vater antrieb, doch war ich alt genug, um zu ahnen, dass er für immer fortbleiben würde. Vielleicht lag es an dem ernsten Blick in seinen pechschwarzen Augen, als er sich von mir verabschiedete, vielleicht aber auch an dem stummen Wehklagen meiner Mutter, mit dem sie seinen Fortgang betrauerte, kaum dass er in der Schwärze der ewigen Höhlennacht verschwunden war.
   Als die Mondphasen verstrichen und Vater nicht wiederkehrte, wandte ich mich an meine Mutter. Mittlerweile war ich zu einem jungen Mann herangewachsen und konnte allein in den gefährlichen Sümpfen von Dalun auf Jagd gehen. Unzählige Male hatte ich mein Geschick und meinen Mut bewiesen, hatte Schlittenladungen voller Takahäute von meinen mondelangen Jagdzügen mit nach Hause gebracht. Darum nahm Mutter mein Anliegen ernst und erklärte mir die Beweggründe für Vaters Fortgang. So erfuhr ich erstmals von der Bestie, und so lernte ich, sie zu hassen. Mutter erzählte, dass Vater ausgezogen war, den Thullariten zu erlegen, um den Tod seines eigenen Vaters zu rächen. Denn, so fügte sie voller Bitterkeit hinzu, auch mein Großvater war von dem Versuch, die Bestie zu töten und deren Herz zu essen, niemals zurückgekehrt. Sie konnte mir nicht sagen, wie viele Generationen von Männern meiner Familie schon aufgebrochen waren, die Bestie zu erlegen, doch nachdem Mutter geendet hatte, stand meine Entscheidung fest: auch ich würde gehen. Ich würde derjenige sein, der dem Treiben des Thullariten ein Ende bereiten und meinen Vater und dessen Vorväter rächen würde.
 

 


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Vanessa Kaiser & Thomas Lohwasser | info@lohwasser-kaiser.de