Das geheime Gesicht

   Ich trug eine Maske, als ich die breiten Stufen zur Residenz hinaufschritt – eine Maske aus dünnem, weiß lackiertem Holz, die über das ganze Gesicht lächelte, mit roten, runden Wangen, einer langen Nase und schwarzen Verzierungen an den Schläfen. Keine Standardware, nein, sondern ein kostspieliges kleines Kunstwerk, damit ich auf dem Fest des Geldes und der Titel nicht auffiel. Die Empfänge des Grafen waren berühmt, sodass ein jeder, der etwas auf sich hielt, versuchte, eine Einladung zu ergattern. Ich hatte meine in der Tasche meines schwarzen Fracks und somit den ersten Teil des Plans in die Tat umgesetzt.
Die kalt-nasse Novemberluft, die um das Schlösschen wehte, war geschwängert vom beißenden Geruch der Schornsteine und Kamine der Stadt. Ich hasste Städte, den Dreck und die vielen Menschen – mein bisheriges Leben.
Vor mir wuchs die Pforte der Residenz empor, ein Sinnbild des Prunkes, beschienen von zwei schweren Laternen aus Messing. Sie allein waren schon ein Vermögen wert, ebenso der Türklopfer aus Silber: das Gesicht eines weinenden Harlekins.
  
   Musik drang gedämpft nach draußen, das Fest war schon in vollem Gange. Ich klopfte an, augenblicklich wurde mir geöffnet. Gelächter und Stimmengewirr schwappten aus dem hell erleuchteten Raum hinter dem Eingang zu mir heraus. Für einen Augenblick blendete mich das Licht dieser von aller Not und Plackerei so weit entfernten Welt. Dann gewöhnten sich meine Augen an den Glanz. Ein Diener verlangte die Einladung, die zu bekommen mich so viel Zeit und Mühe gekostet hatte. Ich reichte sie ihm, und mit einer Verbeugung gab er den Weg frei. So trat ich ein in das Reich der Sorglosigkeit und des Glücks. Sofort glitt ein leicht bekleidetes Mädchen mit einem Tablett herbei, auf dem Champagnergläser klingelten. Ich stürzte meinen Champagner hinunter und griff nach dem nächsten Glas, bevor das Mädchen weitergehen konnte. Das warme Prickeln in der Magengrube besänftigte meine Nervosität. Ich schaute mich um:

   Ein gutes Dutzend Kronleuchter hing von der hohen Decke der Empfangshalle. Der polierte Boden aus seltenem grauen Marmor spiegelte das Rot der Wände und der Decke wieder. Wie Rosen aus Stein, dachte ich. Süße Düfte tränkten die Luft der Halle – die Parfüms der feinen Damen –, doch über allem lag der bittere Geruch von Rauschkraut. Ein jeder in der Festgesellschaft trug eine Maske vor dem Gesicht – sie gehörten zu den Empfängen des Grafen wie die Lügen, die ihre Besitzer dahinter zu verbergen suchten. Ich sah Masken mit großen und mit kleinen Nasen, mit lächelnden oder traurigen Mienen, einfarbig oder bunt verziert. Es gab menschlich aussehende Masken und solche mit Tiergesichtern oder fremdartigen Kreaturen, die einem Fiebertraum entstiegen zu sein schienen.
   Während ich mir einen Weg durch die starren Gesichter bahnte, rief ich mir den Grundriss des Hauses ins Gedächtnis. Ich musste die Haupttreppe in den zweiten Stock hinaufgehen, um in den hinteren Teil des Gebäudes zu gelangen. Dort befand sich das, was ich mir anzueignen gedachte, etwas, das mein Leben verändern würde – das Geheimnis des Grafen Dyon.

   Der Graf besaß zwei herausragende Merkmale: Zum einen war er reich, unvorstellbar reich. Es hieß, er habe ein so großes Vermögen, dass er eine ganze Metropole mit allem und jedermann darin kaufen könne. Zum anderen trug er immer eine Maske. Niemand wusste, warum und niemand hatte je sein Antlitz zu Gesicht bekommen. Exzentrik, meinten manche, andere munkelten, dass ein Säureunfall oder eine schwere Verbrennung ihn dazu trieb. Doch bei seinen Maskenbällen spielte dieser Umstand keine Rolle. Dort war er ein Gleicher unter Gleichen.

   Ich erreichte den Prunksaal im Zentrum des Schlösschens und blieb stehen, um mich zu orientieren. Der riesige Saal bildete das Herzstück der Feste. Die Wände waren bis über die Galerie des zweiten Stockwerks hinaus mit Blattgold beschichtet, sodass der Raum wie im Licht eines Sonnenaufgangs erstrahlte, sobald die Kronleuchter entzündet wurden. Ein Meer aus Pflanzen erstreckte sich über den ganzen Saal, Blüten schmückten jeden Winkel, bunte Vögel zwitscherten und sangen in ihren Käfigen zwischen den Blättern – man glaubte, in einem exotischen Garten weit weg von der Tristesse der kalten Stadt zu wandeln. Aus einem Springbrunnen in der Mitte plätscherte türkis gefärbtes Wasser. Ringsherum war der Boden mit Seidenkissen ausgelegt, auf denen sich die sonst so braven Bürger rekelten und Rauschkraut rauchten, das auf den Festen des Grafen gereicht wurde. Dunstschwaden schwebten träge in der Luft.
   Ein schrilles Lachen in meiner Nähe zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Eine fast unbekleidete Frau mit Katzenmaske lief ausgelassen kichernd an mir vorüber, verfolgt von einem Mann mit offenem Hemd, dem die Augen über der Pfauenmaske verbunden waren.
   »Hab dich!«, gluckste er, als er gegen mich stieß, dann tastete er mir über die Brust, und als er begriff, dass ich weder nackt noch weiblich war, ließ er von mir ab und stolperte weiter.
   Angewidert strich ich mir den Frack glatt. Das Rauschkraut zeigte seine enthemmende Wirkung, die frivolen Spiele begannen. Bald schon würden alle im Saal mehr als nur einem einfachen »Hasch mich« frönen, um ihren gelangweilten Leben zu entfliehen. Ich verzog den Mund bei dem Gedanken daran, wie die hochfeinen Damen und Herren sich hinter ihren Masken verbargen, um die wahren Masken abzulegen, um ihr geheimes Gesicht zu zeigen. Erst im Schutz dieser Namenlosigkeit wagten sie, sie selbst zu sein und die verbotenen Wünsche zu offenbaren, die sie tief in ihren Herzen versteckten. Diese Menschen wussten nicht, wie es ganz unten war, wo das Leben bitter schmeckte. Sie, die in der Sorglosigkeit von Pomp und Reichtum groß geworden waren, hatten nie das andere Leben ertragen müssen, das Leben, in dem die Verzweiflung der verlässlichste Begleiter war. Das Leben, von dem ich mir geschworen hatte, es für immer hinter mir zu lassen.
   Der Knall eines Champagnerkorkens zerriss meine Gedanken. Kichernd und johlend füllten die Gäste ihre Gläser und das klebrige Getränk schwappte in Dekolletés, über feine Stoffe und auf den kostbaren Boden. Es war an der Zeit zu tun, weshalb ich hergekommen war.

 

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Vanessa Kaiser & Thomas Lohwasser | info@lohwasser-kaiser.de