Das besondere Buch

   »Sind Sie mit dem Lauf der Dinge unzufrieden? Quält Sie die Langeweile des grauen Alltags? Ein gutes Buch bringt Abwechslung und lässt Sie in ein anderes Leben eintauchen. Wir führen Bücher für jeden Geschmack – auch besondere Bücher. Die etwas andere Bibliothek lädt Sie zum Stöbern ein. Täglich von 8.00 bis 20.00 Uhr geöffnet, außer sonntags.«
Die Worte prangten in schwarzen Lettern auf der Karte, die Robert missmutig an diesem verregneten Novembermorgen aus seinem Briefkasten fischte. Ja, das hörte sich gut an, dachte er, warum eigentlich nicht? Mal wieder etwas Spannendes lesen, etwas, das ihn von seinem Leben ablenkte. Denn Robert hasste sein Leben – der immer gleiche Trott, ein unterbezahlter Job und keine Aussicht auf Besserung. Und eine Freundin hatte er auch nicht. Schon lange hatte er nicht mehr gelesen, das war einfach untergegangen. Nun jedoch erschien ihm die Vorstellung, in diesem dunklen und nassen Spätherbst im warmen Wohnzimmer auf der Couch zu sitzen und ein packendes Buch zu lesen, wie bunte Farbe in einem Bild aus Grautönen.
Er beschloss, die Bibliothek noch am Abend aufzusuchen.

   Die Wegbeschreibung auf der Rückseite der Karte führte Robert in einen Teil der Stadt, in dem er noch nie gewesen war. Er fand den Hellewartweg erst nach einigem Suchen, dieser war nicht mehr als eine winzige Gasse, die in einen Hinterhof führte. Robert parkte den Wagen an der Einmündung und ging in den Hof. Über einer unscheinbaren Tür hing ein Schriftzug aus Kupfer: »Bibliothek«, im Schaufenster lagen ein paar abgegriffene Bücher. Zögerlich drückte Robert die Klinke herunter.

   Die Tür öffnete sich mit einem Klingeln. Muffige Luft schlug ihm entgegen. Er betrat einen kleinen Vorraum mit kahlen, zartgrün gestrichenen Wänden, auf dessen gegenüberliegender Seite ein Durchgang den Blick auf Regale voller Bücher freigab. Schummriges Licht drang daraus hervor, Qualmwolken hingen träge unter der Decke. Hinter einem Tresen saß eine ältere Frau und rauchte. Ihr weißes Haar war zu einem strengen Knoten gebunden und ihre Fingernägel orange lackiert. Das sollte eine Bibliothek sein? Muffige Bücher in einem verrauchten, düsteren Lesesaal – Robert fragte sich, ob er hier wirklich fündig werden würde, nein mehr noch: ob er hier fündig werden wollte. Doch zu seiner eigenen Überraschung begab er sich an den Tresen.
»Ich hatte heute diese Karte in meinem Briefkasten.«
Die Frau drückte ihre Zigarette aus, nahm die Karte und betrachtete sie über den dicken Rand ihrer Brille hinweg.
»Sie suchen ein Buch?«, krächzte sie.
Roberts Blick fiel auf ihre vergilbten Zähne, die von knallrot geschminkten Lippen umrahmt wurden. Das ist richtig, wollte er sagen, doch sie fuhr bereits fort.
»Wir haben viele Bücher … aber mir scheint, Sie suchen das besondere Buch?«
Als Robert zögerte, wiederholte sie ihre Frage: »Sie suchen doch das besondere Buch, oder?«
Robert nickte langsam: »Ja natürlich, das wäre gut.«
Die Frau war ihm unangenehm. Sie winkte Robert, ihr in den Büchertrakt zu folgen. Das Klacken ihrer
schiefen Absätze auf dem gemusterten Steinboden hallte in seinen Ohren, während sie ihn durch die düsteren Regalreihen bis zu einer Tür führte. Robert schaute sie fragend an.
»Hier bewahren wir unsere besonderen Bücher auf«, beantwortete sie seinen Blick. »Diese Bücher können Sie nicht ausleihen. Sie müssen Ihr Buch hier, in diesem Raum, lesen. Außerdem ist die Lesezeit begrenzt, sie dürfen nur drei Minuten am Tag darin lesen.«
Robert stutze. Was sollte das? Man konnte diese Bücher nicht mit nach Hause nehmen und durfte nicht einmal eine angemessene Zeit in ihnen lesen?
»Wenn die Klingel ertönt, schlagen Sie das Buch zu und verlassen den Raum. Sofort, verstanden? Sollten sie die Regeln brechen, dürfen Sie nicht wiederkommen.«
Robert wusste nicht, ob er loslachen oder protestieren sollte. Aber er war neugierig geworden, neugierig auf diese sogenannten besonderen Bücher, um die diese Frau so ein Aufhebens machte.
Sie öffnete ihm die Tür. Ein Kribbeln breitete sich in Roberts Magengrube aus.

   Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, sah er sich um. Der Raum war klein und fensterlos. Eine Neonröhre summte unter der Decke, es gab nur wenige Bücher in den drei Wandregalen. Gespannt las Robert den Titel auf dem Buchrücken des ersten Buches: »Ruth Wohlfahrt«. Der Name sagte ihm nichts. Das nächste Buch hieß »Andreas Wolke«, das daneben »Frank Wohmann«. Robert schaute genauer in die Regale. Alle Buchtitel waren bloße Namen, die alphabetisch von links nach rechts angeordnet waren. Er nahm sich ein Buch mit dem Namen »Jens Pohl« heraus und blätterte darin. Was dort stand, war langweiliges Geschwafel, jedenfalls entsprach es nicht seiner Vorstellung von einem besonderen Buch. Verächtlich stellte er es zurück und wandte sich zum Gehen, da fiel sein Blick auf ein Buch im mittleren Regal.
Es trug seinen Namen, Robert König. Er nahm es zur Hand und schlug es auf: »Robert König wurde am fünften Mai 1972 geboren und wuchs ohne Geschwister auf.« Der fünfte Mai 1972 war sein Geburtstag, und ja, er hatte keine Geschwister. Schnell überflog er die Seite, las die nächste und noch eine weitere. Dort stand sein ganzes Leben, zusammengefasst auf drei Seiten, alles, was er bisher erlebt hatte, und das war zugegebenermaßen nicht viel. Die knappe Beschreibung endete mit dem Satz: »Robert war höchst unzufrieden mit seinem Leben und beschloss, die Bibliothek aufzusuchen.«
Kälte kroch an Roberts Beinen empor. Wer hatte dieses Buch über ihn geschrieben? Sollte das ein Scherz sein? Er blätterte auf die vierte Seite: »Auf dem Rückweg von der Bibliothek kaufte er ein Lotterielos. Er lehnte das Los mit der Endziffer fünf ab und wählte stattdessen eines mit der Endziffer sieben. Damit gewann er bei der Ziehung am Abend zwei Millionen Euro. Nun hatte er die Möglichkeit, seinen Traum von einer eigenen Firma zu verwirklichen. Mit seinem Freund Albert …«
In diesem Moment schrillte die Klingel, die drei Minuten Lesezeit waren um. Robert schreckte zusammen, klappte das Buch zu und verließ den Raum. Er wollte schließlich nicht mit dieser unheimlichen Bibliothekarin aneinandergeraten. Doch es war niemand da, weder in der düsteren Bibliothek, noch am Tresen an der Ausgabe.

   Auf der Fahrt nach Hause kreisten Roberts Gedanken um das Buch und die eigenartige Bibliothek. Das alles konnte nur ein schlechter Scherz sein. Bloß – wer hatte sich das für ihn ausgedacht? Niemand kannte ihn gut genug, um ein Buch mit derartigen Details über ihn zu füllen. Als ein Tabakladen in Sicht kam, begann die Mauer von Roberts Skepsis zu bröckeln. Unvermittelt trat er auf die Bremse.
»Was hab ich denn schon zu verlieren?«, murmelte er und stieg aus.

»Ein Los, bitte«, sagte er zu dem Verkäufer, und kam sich wirklich dumm dabei vor. »Heute ist doch die Ziehung, oder?«
Der Mann nickte gelangweilt. Robert schaute auf sein Los. Die Endziffer war tatsächlich eine Fünf.
»Nein, dieses Los möchte ich nicht!«, sagte er aufgeregt zum Verkäufer. Als der ihn fragend anstarrte, sagte Robert: »Ich brauche eins mit der Endziffer sieben.«
Der Verkäufer brummte: »Wohl abergläubisch, was?«, suchte in dem Stapel Lose und reichte ihm ein neues. Die letzte der zehn Zahlen war eine Sieben.
 


 

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Vanessa Kaiser & Thomas Lohwasser | info@lohwasser-kaiser.de